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Narzissmus erkennen

  • Thomas Roehm
  • 4. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Als Anna Markus kennenlernte, war sie fasziniert. Er war einer dieser Menschen, die einen Raum betreten und sofort alle Blicke auf sich ziehen. Er war charmant, intelligent und humorvoll. Schon beim ersten Gespräch hatte sie das Gefühl, etwas Besonderes für ihn zu sein.


„Du bist anders als die anderen“, sagte er und lächelte. Es war ein Satz, den jede Frau gerne hört.

In den nächsten Wochen wurde Markus zum Mittelpunkt ihres Alltags. Guten-Morgen-Nachrichten, spontane Anrufe, Komplimente. Er hörte ihr zu, stellte Fragen und schien sich für jedes Detail ihres Lebens zu interessieren. Anna fühlte sich gesehen.


Doch als Face Readerin hatte sie gelernt, nicht nur auf Worte zu achten.

Etwas passte nicht. Markus lächelte oft. Sehr oft. Aber Anna sah, dass seine Augen selten mitlachten.

Während sein Mund Wärme zeigte, wirkten seine Augen wachsam. Prüfend. Als würden sie Menschen scannen und einordnen. Sie schob dieses Gefühl zunächst beiseite.

Schließlich war Markus aufmerksam, erfolgreich und voller Energie.


Erst Monate später erkannte Anna ein Muster. Fast jedes Gespräch drehte sich um Markus.

Seine Erfolge, seine Ideen, seine Bekanntschaften, seine Probleme.

Wenn er von anderen Menschen sprach, dann meist von solchen, die erfolgreicher, attraktiver oder beeindruckender wirkten als alle anderen.


Am Anfang hörte Anna diesen Geschichten gerne zu. Doch mit der Zeit bemerkte sie, dass sie sich nach diesen Gesprächen kleiner fühlte als zuvor. Als müsste sie sich mehr beweisen.


Der Wendepunkt kam an einem Freitagabend. Anna erzählte voller Freude von einem beruflichen Erfolg, an dem sie lange gearbeitet hatte. Markus lächelte.

Doch Anna sah, wie sich für einen kurzen Moment nur ein Mundwinkel hob.

"Verachtung". Es ging so schnell, dass Anna sich fragte, ob sie es sich eingebildet hatte.

„Nicht schlecht“, sagte er. „Eine Bekannte von mir hat etwas Ähnliches geschafft.

„Allerdings in deutlich größerem Maßstab.”


In diesem Moment erlosch die Freude in Anna. Zum ersten Mal beobachtete sie, wie ihre Erfolge neben seinen kleiner wirkten, als würden sie ihre Bedeutung verlieren.

Einige Tage später sprach sie ihn darauf an. Sie sah, wie sich seine Mimik veränderte. Seine Lippen wurden schmal. Die Stirn spannte sich an. Sein Blick ruhte einen Moment zu lange auf ihr.

Dann kam das Lächeln zurück.


„Warum bist du eigentlich immer so empfindlich?“, fragte er.

Anna verstummte. Plötzlich ging es nicht mehr um das, was sie beobachtet hatte.

Sondern um das, was er ihr zuschrieb. Die Rollen hatten sich verschoben.


Wenn Anna ihn bewunderte, wirkte er charmant und zugewandt. Wenn sie ihn jedoch infrage stellte, wurde sie zum Problem.


Nach außen hin sah sie einen selbstsicheren, starken und überlegenen Mann.

Doch je genauer sie hinsah, desto deutlicher erkannte sie etwas anderes: ein fragiles Selbstwertgefühl.


Einen Menschen, der ständig Bestätigung von außen brauchte, um innerlich stabil zu bleiben.

In diesem Moment verstand Anna, warum Narzissmus so schwer zu erkennen ist.

Sie begegnete nicht zuerst der Unsicherheit. Sie begegnete dem Charme.

Nicht zuerst der Manipulation sondern der Aufmerksamkeit.

Nicht der Bedürftigkeit, sondern der scheinbaren Stärke.


Wer Narzissmus erkennen möchte, sollte deshalb nicht nur auf Worte achten.

Anna begann, auf das zu achten, was zwischen den Momenten geschah: ein Lächeln, das die Augen nicht erreichte, ein Blick, der eher kontrollierte als verband, fehlende Freude über ihre Erfolge oder plötzlich verdrehte Wahrheiten.


Denn das, was ein Mensch wirklich zeigt, steht selten in seinen Worten.

Sondern in dem, was Anna zwischen ihnen wahrnimmt

 
 

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