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Reichtum im Gesicht erkennen

  • Thomas Roehm
  • 4. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Als Tim durch die Altstadt schlenderte, begegnete er einem seltsamen alten Mann, der ein Schild trug: „Ich erkenne Reichtum im Gesicht.“

„Ach ja?“, grinste Tim. „Dann sagen Sie mir doch, ob ich reich werde.“

 

Der Alte musterte ihn einen Moment. „Das kommt darauf an, wonach du strebst.“

„Nach Geld natürlich! Wonach denn sonst?“ Der Alte lachte so laut, dass die Tauben vom Brunnen aufflogen. „Dann wirst du wahrscheinlich arm bleiben.“ „Wie bitte?“

 

Der Alte zeigte auf drei Männer, die gerade den Platz überquerten. „Siehst du den ersten?“ Ein Mann im teuren Anzug telefonierte hektisch und blickte ständig auf sein Konto.

„Der Arme“, sagte der Alte. „Der sieht aber nicht arm aus.“

„Doch, er strebt nach Geld. Und sobald er welches hat, gibt er es aus, um noch mehr zu jagen.“

 

Dann zeigte er auf einen zweiten Mann, der einen eleganten Oldtimer parkte. „Der Reiche. Er strebt nicht nach Geld. Er strebt nach Dingen. Geld ist für ihn nur ein Werkzeug.“

 

„Und der dritte?“ Auf einer Bank saß eine ältere Frau mit einem Notizbuch. Menschen kamen zu ihr, stellten Fragen und gingen lächelnd wieder fort. Der Alte nickte respektvoll.

 

„Die Edle.“

„Weil sie viel Geld hat?“ „Nein, weil sie nach Erkenntnis strebt. Sie kauft Wissen, sammelt Erfahrungen und teilt ihre Visionen. Je mehr sie davon verschenkt, desto größer wird ihr Reichtum.“ Tim dachte nach.

 

„Und das alles erkennen Sie im Gesicht?“ „Nein“, sagte der Alte. „Woran dann?“ „Daran, worüber Menschen sprechen.“

 

Der Alte deutete auf den ersten Mann. „Er spricht ständig über Geld.“

Auf den zweiten: „Er spricht über Besitz und Dinge.“

 

Auf die Frau: „Sie spricht über Ideen, Möglichkeiten und Erkenntnisse.“

 

Gerade als Tim antworten wollte, zog dichter Nebel über den Platz. Die Menschen verschwanden darin wie Schatten. „Jetzt kann man niemanden mehr sehen“, sagte Tim.

 

„Genau“, antwortete der Alte. „Und jetzt beginnt der interessante Teil.“ „Welcher Teil?“

Der Alte lächelte. „Die Persönlichkeit sieht man im Licht. Den Charakter erkennt man in der Finsternis.“ „Was ist der Unterschied?“

 

„Im Licht zeigen Menschen, wer sie sein möchten. In der Dunkelheit zeigt sich, wer sie wirklich sind.“

 

Der Nebel wurde dichter. Als Tim sich umdrehte, war der alte Mann verschwunden. Auf der Bank lag nur noch ein Zettel. Darauf stand:

 

„Wohlstand füllt die Taschen. Reichtum füllt das Leben. Erkenntnis füllt die Zukunft.“

 

Zum ersten Mal fragte sich Tim nicht, wie viel Geld er verdienen wollte. Er fragte sich, wonach er eigentlich wirklich strebte.


PS.: Durch meine japanische Ehefrau Misao, deren Name für Treue steht, ist für mich ein tragender Leitsatz von besonderer Bedeutung geworden:

„Wahre Herzlichkeit lässt dich glücklich alt werden. Darin liegt Reichtum.“

 
 

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